Vor gut 60 Jahren ist Clemens Kohorst aus Steinfeld mit dem Rad in die Schweiz aufgebrochen. Weil ein Urlaub dem Coronavirus zum Opfer fiel, begab sich Jörn Bisewski auf die Spuren seines Opas.

Planten ihre Route anhand alter Fotos: Jörn, Suri und Olga Bisewski. Foto: Bergmann
Planten ihre Route anhand alter Fotos: Jörn, Suri und Olga Bisewski.

Clemens Kohorst hütet einen Schatz. Im Stubenschrank bewahrt der Steinfelder Zigarrenschachteln mit alten Fotos auf. Große Berge und viel Schnee sind darauf zu erkennen. Die schwarz-weißen Bilder halten Erinnerungen an ein Abenteuer fest.

Ende der 1950er Jahre war der damals 18-jährige Clemens zusammen mit seinem älteren Bruder Theo zum Arbeiten und Reisen in die Schweiz aufgebrochen. Sozusagen „Work and Travel“ auf die altmodische Art. Denn die als „Dodts Jungs“ bekannten Steinfelder sattelten kurzum ihr Gepäck und machten sich mit dem Fahrrad auf den Weg, um die Welt zu erkunden.

,,Hawaii-Urlaub fällt wegen Coronavirus aus“

„Jedes der 10 Enkel- und 6 Urenkelkinder kennt die Geschichten“, sagt Jörn Bisewski und lacht. Immer wenn der Dinklager mit Ehefrau Olga (36) und Tochter Suri (7) bei seinem Großvater zu Besuch ist, holt Uropa Clemens stolz seine Fotos aus dem Schrank und erzählt. „Eigentlich hatten wir dieses Jahr eine Reise nach Hawaii gebucht“, erklärt Bisewski. Doch die Corona-Pandemie machte der Familie einen Strich durch die Rechnung. Da kamen die Geschichten von Opas alten Abenteuern gerade recht.

Auf dem Rad: Der 18-jährige Clemens Kohorst. Foto: privat
Der 18-jährige Clemens Kohorst

Mithilfe der Erzählungen, Postkarten, zahlreicher (heimlich mitgenommener) Fotos und dank weiterer Hinweise von Oma Rosel, seiner Mutter Heidi sowie Verwandter konnte der 31-Jährige die Reise-Stationen seines Opas rekonstruieren. So starteten Clemens und Theo Kohorst im Sommer 1957. Im schweizerischen Wengen arbeiteten beide zeitweise für einen Maler, den Großteil ihres mehrjährigen Aufenthalts verbrachten sie dann vor allem in Altdorf am Vierwaldstättersee (Kanton Uri). Bevor die „Dodts Jungs“ im Frühjahr 1960 nach Steinfeld zurückkehrten, fuhren sie zudem mit dem Rad durch Italien. Auch später kehrten Clemens und Theo Kohorst regelmäßig zum Urlauben nach Altdorf zurück, weiß etwa Bisewskis Mutter Heidi.

„Und hier ist Uropa mit dem Fahrrad lang gefahren? “Suri Bisewski (7), Urenkeltochter

„Wir sind dann einfach mit dem Auto losgefahren und in Venedig gestartet“, berichtet der Enkel. Anhand der Erzählungen und Informationen führte die Tour von dort weiter über Rom und Pisa bis in die Toskana. Ob typische venezianische Gondeln, der Schiefe Turm von Pisa oder der Dom von Florenz: Die Dinklager Familie besichtigte wie einst Clemens Kohorst die örtlichen Sehenswürdigkeiten – und stellte vor Ort einige der alten Bilder nach. „Wir waren an all den Orten, die mein Opa in seinen Erzählungen so gelobt hat“, sagt Bisewski.

Das Highlight der Spurensuche war demnach jedoch die Reise durch die Berge von Italien nach Altdorf. Eine wunderschöne Landschaft, die die 7-jährige Suri zum Staunen brachte: „Und hier ist Uropa mit dem Fahrrad lang gefahren?“, fragte sie laut ihrem Papa mehrfach mit großen Augen. Auch der 31-Jährige zeigt sich von der Radtour seines Opas beeindruckt. „Heutzutage geht das mit dem Auto alles. Aber damals mit dem Rad wäre ich da nicht lang gefahren – besonders wenn man an die Räder von damals denkt“, sagt er.

Der Ort Altdorf habe sich laut Bisewski im Lauf der Jahre kaum verändert. Auf dem Marktplatz steht etwa noch immer das große Telldenkmal, von dem auch sein Opa bereits erzählte. In Altdorf hatte Clemens Kohorst seinerzeit ein Zimmer in einem Holzhaus am Berg mit Blick über den Ort, weiß Bisewski. Im „Nussbäumli“ traf sich der Großvater damals zudem oft zum Feierabendbier mit deutschsprachigen Gesellen. „Die Kneipe hat sich mittlerweile zu einem gehobenen Restaurant entwickelt“, berichtet der 31-Jährige. Für den Dinklager sei es ein besonders Gefühl gewesen, diese Orte, die er seit Jahren aus den Erzählungen und von Bildern seines Opas kennt, nun mit eigenen Augen zu sehen.

Mit den nachgestellten Fotos, die ohne den Coronabedingten Ausfall des Urlaubs so vermutlich nicht entstanden wären, will die Familie ihren Uropa nun überraschen. Denn der heute 82-Jährige weiß von der Reise seines Enkels bisher nichts. Sollte der Urlaub auch 2021 wegen des Virus ausfallen, habe Bisewski bereits Ideen für eine weitere Spurensuche. Ob dann möglicherweise die Geschichten von Oma Rosel herhalten müssen, ließ er offen.

Hier gehts zum Orginal Beitrag der Oldenburgischen Volkszeitung